Bahn braucht grundlegende Reform des Tarifsystems

Die Bahn selbst beurteilt ihre diesjährige Preiserhöhung als „moderat“: 1,9 Prozent mehr soll der Fernverkehr ab Dezember im Durchschnitt kosten, 2,3 Prozent der Nahverkehr – jeweils zum „Flexpreis“. Aussagekräftig ist aber vor allem die langfristige Entwicklung. Über die letzten 14 Jahre sind die Preise zusammengenommen um fast 50 Prozent angestiegen. Und hier liegt das eigentliche Problem: Das Bahnfahren ist damit ziemlich genau doppelt so stark im Preis gestiegen wie die allgemeine Inflation.

Das Gegenargument der Bahn lautet: Die „Flexpreise“ sind ja nur ein Angebot; sehr viel günstiger fährt man doch mit den Sparpreisen. Das ist zwar nicht völlig falsch, aber die Sparpreise sind eben nicht immer verfügbar und auch nicht immer günstig. Je nach Strecke und Reisezeit gibt es günstige Möglichkeiten, häufig aber eben auch nicht. Die Mechanismen dahinter sind völlig intransparent. Vor allem Menschen, die spontan unterwegs sein müssen und sich nicht wochenlang vorher auf einen Zug festlegen können, können davon kaum profitieren. Wer kurzfristig Angehörige besuchen oder seine Reisepläne verändern muss, dem bleibt nur der immer teurer werdende „Flexpreis“.

 Bahn richtet sich in ihrer Nische ein

Dazu kommt, dass der Name „Flexpreis“ verbirgt, dass er genau das Gegenteil ist – nämlich immer weniger flexibel. Mit einem Bahnticket zum Normalpreis, dem Vorgänger des „Flexpreises“ konnte man bis vor drei Jahren noch innerhalb von vier Tagen reisen und flexibel Zwischenstationen einlegen und sogar übernachten. Die Rückfahrt konnte man dann flexibel innerhalb eines Monats antreten und ebenfalls unterbrechen. Mit dem von Tag zu Tag unterschiedlichen „Flexpreis“ muss man sich hingegen auf genau einen Tag festlegen – für die Hin- wie für die Rückfahrt.

Das Fatale daran ist, dass die Bahn sich mit dieser Angebotspolitik selbst in ihrer Nische einrichtet. Denn der Hauptkonkurrent der Bahn ist das Auto. Und viele Menschen entscheiden sich vor allem deswegen für das Auto, weil es immer flexibel ist und kein langes Nachdenken erfordert. Genau diesen Vorteil könnte die Bahn auch haben, denn auf den meisten Strecken ist sie mindestens im Stundentakt unterwegs. Wenn das Tarifsystem diese Flexibilität aber höchst unattraktiv macht, dann ist das Ergebnis das, was alle Statistiken zeigen: Nur rund 8 Prozent des Personenverkehrs finden auf der Schiene statt, aber 80 Prozent auf der Straße.

Für Verkehrswende ungeeignet

Das heutige Tarifsystem der Bahn ist für eine dringend notwendige Verkehrswende deswegen absolut ungeeignet. Stattdessen muss die Bahn endlich wieder ein nachvollziehbares Preissystem mit niedrigeren Normaltarifen einführen, das den Fahrgästen wirkliche Flexibilität ermöglicht. Notwendig sind zudem auch Sozialtarife für Menschen mit niedrigerem Einkommen, damit alle gleichermaßen mit der Bahn mobil sein können. Und im Nahverkehr könnte man das System sogar noch stärker vereinfachen, indem man den Nulltarif für alle einführt und die Kosten stattdessen über eine Abgabe fair aufteilt. Unser Konzept dafür ist hier (PDF) zu finden.

Nur mit einer grundlegenden Reform des Tarifsystems wird es möglich sein, wirklich mehr Menschen für die Bahn zu gewinnen – nicht nur als Schnäppchenjäger, sondern als Dauerkundinnen und -kunden. Das wäre eine gute Nachricht für Klima und Umwelt, aber auch für all die Menschen, die dann endlich komfortabel und trotzdem bezahlbar mobil sein könnten.

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