Fleischeslust im Agrar-Ausschuss

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO hat kürzlich im Fachblatt "Lancet Oncology" veröffentlicht, dass sie den Verzehr von verarbeitetem Fleisch als krebserregend eingestuft. 800 Studien hat sie dazu bewertet. Kaum war der Hinweis auf dieses Risiko ausgesprochen, überschlugen sich die Schlagzeilen. Ein unmoralischer Angriff auf die Fleischeslust und auf die Nahrungsmittelbranche wurde vermutet. Wenn es um die Wurst geht, kennen viele keinen Spaß. Auch nicht im Bundestag.

Dabei hat die IARC weder skandalös informiert noch wirklich Neues berichtet. Bei der Kategorie „verarbeitetes Fleisch“ geht es um alle Produkte, die gepökelt, geräuchert, fermentiert oder durch andere Prozesse konserviert wurden. Bei solcher Verarbeitung, aber auch beim Kochen oder Braten, können Substanzen entstehen, die wahrscheinlich Krebs auslösen. Das heißt nicht, dass Fleischkonsum zu Darm- oder Magenkrebs führt, aber dass es ein Risiko gibt, welches mit der verzehrten Menge steigt.

Angesichts des häufigen Verzehrs an verarbeitetem Fleisch habe dies Bedeutung für die öffentliche Gesundheit insgesamt, sagt die IARC.

Die Zuordnung der IARC von „verarbeitetem Fleisch“ in die Kategorie 1 sagt nichts über die Höhe des Krebsrisikos, sondern dass der wissenschaftliche Nachweis des Risikos vergleichbar sicher ist wie bei Rauchen, Asbest, UV-Strahlung oder alkoholischen Getränken. Bei „rotem Fleisch“ (Rind, Schaf und Ziege) ist das Krebsrisiko weniger sicher nachgewiesen, aber immer noch wahrscheinlich, also Kategorie 2A wie anabole Steroiden oder Rauch von Kaminfeuern. Die IARC erläutert: „Während pro Jahr etwa eine Million Menschen an Lungenkrebs sterben, der durch Rauchen verursacht wurde, kommen schätzungsweise 34.000 durch einen Krebs ums Leben, der auf den Verzehr von verarbeitetem Fleisch zurückzuführen ist.“

Trotzdem setzten die Koalitionsfraktionen den Bericht der IARC auf die Tagesordnung im Agrar-Ausschuss und warfen der WHO-Behörde erneut Unwissenschaftlichkeit. Wie schon vor einigen Monaten, als die IARC den Unkrautkiller Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ (2A) eingestuft hatte. Sehr zum Ärger vor allem der Union. Da kam ihr die Wurst–Debatte gerade recht als Versuch zur weiteren wissenschaftlichen Demontage der IARC. Dabei bewiesen sie aber, dass sie gar nicht verstanden hatten, worum es geht. Was sie nicht daran hinderte, der IARC zu unterstellen, dass der Fleischkonsum seitdem um drei Prozent zurückgegangen sei.

Die Linksfraktion stellte dagegen klar, dass nüchtern betrachtet die IARC auch dieses Mal sowohl korrekt bewertet als auch allseits Bekanntes mitgeteilt hat. Sie hat weder dem Veganismus das Wort geredet noch ein Verbot des Fleisch- und Wurstkonsums empfohlen. Aber sie hat auf ein Gesundheitsrisiko hingewiesen, dass jede und jeder im alltäglichen Verhalten berücksichtigen kann. Anders, als beim Glyphosat – da weiß man nicht, ob der Verzehr eines Brötchens oder das Nutzen eines Papiertaschentuchs ein Krebsrisiko birgt, weil Glyphosat drin ist.

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