Wachstumskritik oder sozial-ökologischer Umbau?

Ralf KrämerEin sozial-ökologischer Umbau wird nur durchgesetzt werden können, wenn die Gewerkschaften und die Mehrheit der abhängig Beschäftigten dafür gewonnen werden. Dazu muss er verbunden sein mit Abbau der Arbeitslosigkeit, Sicherung der Einkommen der Beschäftigten, Schaffung guter neuer Arbeit für diejenigen, deren Arbeitsplätze im Zuge eines ökologischen Umbaus verloren gehen, Aufbau neuer Produktions- und Beschäftigungsfelder in Regionen, die vom Abbau ökologisch schädlicher Wirtschaftszweige besonders betroffen sind.

Dazu fordern wir, DIE LINKE, große Zukunftsinvestitions-programme und die massive Ausweitung öffentlicher Beschäftigung, Steigerung der Löhne und Sozialeinkommen und damit Stärkung der inländischen Nachfrage sowie Arbeitszeitverkürzung. Investitionen und zusätzliche Beschäftigung sollen gezielt auf das Bildungswesen, soziale Dienstleistungen und ökologischen Umbau gerichtet werden. Das bedeutet aber eine Politik, die auf qualitatives, sozial-ökologisch ausgerichtetes und reguliertes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts gerichtet ist.

Was ist das Bruttoinlandsprodukt, was ist Wertschöpfung?



Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) drückt den Wert der im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen in Form einer Geldsumme aus, die in einem bestimmten Zeitraum erwirtschaftet wurde und aus der sich die Einkommen der Unternehmen, der privaten Haushalte und des Staates speisen. Als Wertschöpfung betrachten die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen im Kern Produktion durch Erwerbsarbeit.

Nur etwa 30 Prozent dieser Wertschöpfung entstammen in Deutschland den Sektoren, die materielle Waren produzieren (verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe, Bergbau und Landwirtschaft). Etwa 70 Prozent produzieren die verschiedenen Dienstleistungssektoren einschließlich des öffentlichen Dienstes.

BIP-Wachstum darf kein Selbstzweck sein. Das BIP ist kein Maß für das gute Leben einer Gesellschaft. Es ist aber auch nicht zwingend mit steigenden Ressourcenverbräuchen und ökologischen Belastungen verbunden. Und wir dürfen reale ökonomische Zusammenhänge nicht ignorieren. Die Probleme, die dem BIP-Wachstum zugerechnet werden, resultieren aus der kapitalistischen Qualität der Ökonomie und treten bei stagnierendem oder schrumpfendem BIP ebenso auf, die sozialen Probleme sogar in der Regel noch gravierender.

BIP-Wachstum, Beschäftigung, Produktivität

Das BIP kann dargestellt werden als das Produkt aus Arbeitsproduktivität, durchschnittlicher Arbeitszeit und Zahl der Erwerbstätigen. Das Erwerbsarbeitsvolumen nimmt zu, wenn das BIP schneller wächst als die Arbeitsproduktivität. Die Erwerbstätigenzahl steigt, wenn die durchschnittliche Arbeitszeit schneller sinkt oder weniger steigt als das Arbeitsvolumen. Ein positiver Zusammenhang von BIP-Wachstum und Beschäftigungsentwicklung ist empirisch offensichtlich. Die Arbeitslosigkeit steigt im Gefolge von Krisen und sinkt, wenngleich oft langsam, im Zuge von Aufschwüngen.

Ab einem BIP-Wachstum von etwa 1,5 Prozent wird in Deutschland gegenwärtig ein Zuwachs des Arbeitsvolumens und der Beschäftigung in Gang gesetzt. Dieser Wert der „Beschäftigungsschwelle“ ist im Laufe der Zeit gesunken. Dies liegt vor allem daran, dass der Anteil der Dienstleistungen am BIP gestiegen ist, in denen die Produktivitätssteigerung überwiegend langsamer ist als in der Industrie.

BIP-Wachstum und Naturbeanspruchung

Bloßes Nullwachstum oder Schrumpfen des BIP bedeutet nur, dass die laufende Überbeanspruchung der Natur im gleichen oder wenig geringeren Umfang wie bisher fortgesetzt wird. Das bringt es nicht. Notwendig ist stattdessen ein möglichst rascher und tiefgreifender ökologischer Umbau. Dies erfordert aber in den kommenden Jahren und Jahrzehnten große Investitionen und erheblichen Arbeitsaufwand, also Beiträge zum BIP.

Die Ressourcen- oder Umweltproduktivität – also wie viel (preisbereinigte) Wertschöpfung mit einer Mengeneinheit verschiedener natürlicher Ressourcen produziert wird – kann und muss stark gesteigert werden. Zudem kann und muss ein stark zunehmender Teil der Ressourcen aus regenerativen Quellen erzeugt werden. Produkte und Reststoffe müssen wieder verwertbar oder biologisch abbaubar sein.

Der Strukturwandel in Richtung Dienstleistungen kann zu wachsendem BIP bei sinkender materieller Produktion führen. Insbesondere bei der – das BIP steigernden – Ausweitung von öffentlichem Verkehr, Bildung und sozialen Dienstleistungen muss auch gegengerechnet werden, welche Einsparungen dadurch in privaten Haushalten erfolgen. Personell gut ausgestattete Ganztagsschulen mit Mittagsverpflegung dürften zum Beispiel eine geringere Umweltbelastung bedeuten, als wenn tausend Kleinfamilien einzeln kochen und vorher – schlimmstenfalls mit dem Auto – Lebensmittel eingekauft haben.

Wenn wir wollen, dass mehr Menschen Erwerbsarbeit haben und Geld verdienen, ohne dass die anderen Beschäftigten in gleichem Umfang weniger verdienen, dann wird das kaum anders möglich sein, als dass sich das ökonomisch-statistisch als Wachstum des BIP darstellt. Selbst wenn nur mehr ErzieherInnen und AltenpflegerInnen oder KünstlerInnen beschäftigt werden, die vorher nicht erwerbstätig waren, dann stellt sich das wirtschaftsstatistisch unvermeidlich als Beitrag zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, also des Wachstums, dar. Das Gleiche gilt für zusätzliche Investitionen in Energieeinsparung, solare Energieversorgung usw.

Sozial-ökologischer Umbau: stofflich schrumpfen, nicht wertmäßig!

Es ist meines Erachtens grundsätzlich unbestreitbar, dass zusätzliche Wertschöpfung und damit höheres BIP mit einer erheblichen Verringerung der Umweltbelastung verbunden werden kann, etwa wenn zusätzliche Erwerbsarbeit zur Vermeidung oder Beseitigung von Umweltbelastungen organisiert wird, etwa im Recycling und für Aktivitäten des ökologischen Umbaus. Ein radikaler sozial-ökologischer Umbau der Produktion und Lebensweise, der dies umsetzt, hat bisher noch nicht stattgefunden.

Die Behauptung, wachsender Aufwand für Umweltschutz und ökologische Produktgestaltung schmälere notwendiger Weise den Spielraum für Wertschöpfung, ist falsch. Wenn die höhere ökologische Qualität neuer Produkte entweder an anderer Stelle Kosten spart oder als zusätzlicher Gebrauchswert anerkannt wird, dann gilt zusätzlicher Arbeitsaufwand für ihre Produktion als zusätzlich wertschöpfend. Zum Beispiel ein im Bau teureres Null- oder Negativ-Energie-Haus im Vergleich zu einem konventionellen, das aber höhere Heiz- und Betriebskosten verursacht, oder in der Region biologisch erzeugte Nahrungsmittel, die mit umweltfreundlichen Transportmitteln ins Haus gebracht werden und für die höhere Preise akzeptiert werden.

In der ersten Phase des sozial-ökologischen Umbaus wird dieser mit einem Wachstum des BIP verbunden sein und sein müssen – auch in den entwickelten Ländern, erst recht weltweit. Dies ist der Weg, der am schnellsten die infrastrukturellen und technischen Grundlagen einer neuen naturverträglichen Wirtschafts- und Lebensweise für die fast sieben Milliarden Menschen produzieren kann, und es ist der ökonomisch und politisch einzig realistische Weg. Eine solche Politik des sozial-ökologischen Umbaus muss gegen machtvolle Kapitalinteressen durchgesetzt werden. Umso mehr ist sie auf die Unterstützung der Lohnabhängigen und ihrer Gewerkschaften angewiesen.

Eine längere Version dieses Beitrags findet sich im Supplement der Zeitschrift Sozialismus (7-8/2010).

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