Im Wald brennt es

von Dr. Kirsten Tackmann

Im Wald brennt es - im konkreten wie im übertragenen Sinn. Extremwetterereignisse wie Stürme bis zu Orkanstärke und der Dürresommer 2018 als Zeichen eines beginnenden Klimawandels haben in vielen Regionen dem Wald massiv direkt geschadet. Das sind ideale Bedingungen für Massenvermehrung von Forstschädlingen (so genannte Kalamitäten), deren Risiko aufgrund fehlender Arten- und Altersvielfalt in vielen Wirtschaftswäldern, insbesondere der Nachkriegszeit anerkannt höher ist als in natürlichen Waldgemeinschaften. Insofern ist zumindest die Großflächigkeit und das Ausmaß der Auswirkungen der Problemlage auch die Folge falscher forstlicher Konzepte in der Vergangenheit und muss insofern auch Mahnung sein für dringend notwendige Korrekturen. Trotzdem müssen alle mit der zumindest kurz- oder mittelfristigen Vernichtung von Ökosystemen und Habitaten umgehen, deren nachhaltig gestaltete Regeneration eine Generationenaufgabe ist.

Gleichzeitig wirken diese Bedingungen im Wald auch direkt als Brandbeschleuniger. Großflächige Waldbrände, von denen man sonst eher aus dem Mittelmeerraum oder aus den USA hört, sind leider wieder zur realen Gefahr für Leib und Leben geworden, was auch die Feuerwehren vor zusätzliche Herausforderungen stellt. Auch in Brandenburg.

Es geht neben den ökologischen auch um ökonomische Verluste in Bezug auf das Holz der Bäume, die oft Generationen vor uns gepflanzt wurden und um den (teilweise Total-)Verlust der in den vergangenen Jahren für den notwendigen Waldumbau gepflanzten Setzlinge. Selbst bei den strategisch gewollten Naturverjüngungen gab es Totalverluste. Es fehlen Absatz- und Verarbeitungskapazitäten für die unfreiwillig angefallenen Holzmengen, was wiederum durch Preisverfall den ökonomischen Verlust erhöht. Dazukommen die begrenzten oder fehlenden Verarbeitungsmöglichkeiten für das Schädlingsholz. Leider werden diese wirtschaftlichen Verluste verschärft, weil Bund und Länder bisher bei der stofflichen Verwertung von Holz, z. B. beim Bauen, viel zu wenig ambitioniert waren. Während in anderen Ländern schon Hochhäuser aus Holz gebaut werden, diskutiert man in Deutschland noch immer, ob das überhaupt möglich ist. Hier die Bremse zu lösen, wäre eine sehr sinnvolle Unterstützung in der aktuellen Situation.

Die LINKE hat aber auch nicht nur die ökologischen und ökonomischen Verluste im Blick, sondern thematisiert auch die sozialen Folgen, denn die Situation darf nicht auf dem Rücken der Forstleute ausgetragen werden! Zumal sie zur Bewältigung der Probleme umso dringender gebraucht werden. Das ist in der Waldwirtschaft auch deshalb ein besonders drängendes Problem, weil hier anders als in der Landwirtschaft, die auf bessere Erträge im Folgejahr zumindest hoffen kann, forstwirtschaftliche Erträge auf der Fläche erst im Laufe von Generationen wieder entstehen. Und DIE LINKE hat dabei auch die Klein- und Kleinstwaldbesitzer im Blick, die bei ausbleibender Unterstützung der Totalverlust der Bäume zum Verkauf ihres Eigentums motivieren oder gar zwingen könnte. Auch im Wald bleibt die Frage systemrelevant: wem gehört der Wald? Eine breite Eigentumsstreuung ist nicht nur wichtig für die Sicherung der Gemeinwohlfunktionen des Waldes, sondern auch für die gesellschaftliche Teilhabe am Wald.

Der Wald geht uns also alle an. Deshalb hat DIE LINKE die Situation im Wald auf die Tagesordnung der Sitzung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft gesetzt.

Selbst das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat eingeräumt, dass allein 2018 durch Sturm und Borkenkäfer mehr als 32 Millionen Kubikmeter Schadholz angefallen sind, also etwa die Hälfte des normalen Einschlags im Jahr. Der Bund der Forstleute (BDF) schätzt die Situation schlimmer ein als zu Zeiten des Waldsterbens in den 1980igern. Und schnelle Änderungen sind nicht zu erwarten. Im Gegenteil: aufgrund der dürrebedingten Vorschäden, des schon jetzt zumindest in Ostdeutschland absehbaren weiteren Regendefizits und des in vielen Regionen milden Winters wird mit einem erheblichen Kalamitätenrisiko gerechnet, z. B. durch den Borkenkäfer. Schädlinge finden in bereits geschwächten Wäldern und angesichts großer Mengen von unaufgearbeitetem Totholz in den Wäldern ideale Lebensbedingungen vor. Z. B. Fichten, die den letztjährigen Käferansturm überlebt haben, bleiben weiter im Trockenstress und unter Kalamitätsdruck. Sie werden so zur noch leichteren Beute für die Käfer. Länger bestehende Kahlflächen verstärken wiederum die Probleme, z. B. durch Bodenerosionen.

Gegen befürchtete Borkenkäferinvasionen haben mancherorts die Forstverwaltungen bereits Notmaßnahmen ergriffen. Landwirtschafts- und Umweltministerium in Niedersachsen empfahlen zum Beispiel Baumfällungen auch in den geschützten "Natura 2000" Gebieten, wo sie eigentlich untersagt sind. Und sogar der Einsatz von Insektiziden, die im Wald sonst sehr selten und nur in Notsituationen eingesetzt werden, wurde dort "punktuell" gestattet - etwa um gestapelte Baumstämme gegen den Borkenkäfer zu behandeln und seine Ausbreitung zu stoppen. Es bleibt aber eine sehr strittige Option mit vielen fatalen Nebenwirkungen im Ökosystem, so dass hier berechtigterweise die zu überwindenden Hürden sehr hoch sind.

Die Lage ist sehr ernst und entschlossene Soforthilfen überfällig. Aber sie kommen viel zu zögerlich, sind völlig unzureichend und kommen offensichtlich noch lange nicht dort an, wo sie dringend gebraucht werden. Dass vor allem die finanziellen Mittel deutlich aufgestockt werden müssen, hat die Bundesregierung bestätigt. Trotzdem bleibt sie dabei, dass zunächst die Bundesländer die Schäden erfassen müssen. Ein fehlendes IT-gestütztes und durch Fernerkundungsdaten ergänztes Erfassungs- und Monitoringsystem ist sehr aufwendig und zeitintensiv und erfasst wohl auch nicht alle Schäden. Eine Abschlagszahlung, mit denen bei den vielen unstrittigen Schadenssituationen sofort geholfen werden könnte, lehnt das BMEL bisher ab. Es müssen aber z. B. auch zusätzliche Nutzungswege für das Schadholz eröffnet werden, z. B. auch zur thermischen Verwendung.

Damit nach der Katastrophe nicht vor der Katastrophe ist muss jetzt nicht nur schnell, sondern klug und mit nachhaltigen Konzepten gehandelt werden.

Nach Ansicht der LINKEN muss die Waldstrategie 2050, die gerade im BMEL erarbeitet wird, gemeinwohlorientiert und nachhaltig gestaltet werden, also mit Augenmerk auf naturnahe Waldbewirtschaftung. Dass das BMEL nicht mal eine Analyse der Ergebnisse der Waldstrategie 2020 vorgelegt hat, obwohl dies doch eine Grundlage für eine neue Waldstrategie sein müsste, sind Zweifel angebracht, ob die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden für die neue Strategie.

Aus LINKER Sicht geht es vor allem darum, auch den Nutzwald als gesundes und funktionierendes Ökosystem zu entwickeln, das in der Lage ist, sich vor Schädlingen und Extremwetterereignissen besser zu schützen. Auch zur Minimierung des Schadensrisikos durch so großflächige Ereignisse. Waldökosysteme sind umso anpassungsfähiger, je eigenständiger sie sich entwickeln können. Ein Beispiel aus den 1990ern zeigt dies eindrucksvoll. Damals beschloss man im Nationalpark Bayrischer Wald nicht einzugreifen als dieser großflächig vom Borkenkäfer befallen war. Der Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten – der Wald würde "kaputtgeschützt" und "hier entsteht nie wieder ein Wald" hieß es. Doch statt bleibender Schäden stieg die Biodiversität sprunghaft und neue, längst vergessene Arten wie der Goldfüssige Schnellkäfer, der Habichtskauz und die Zitronengelbe Tramete (eine sehr seltene Pilzart) siedelten sich durch das Totholz wieder an.

Die Waldstrategie muss gerichtet sein auf die Vielfalt standortgerechter, vor allem heimischer Baumarten, durchmischte Altersstrukturen, den Schutz des Waldbodens und eine waldschonende Nutzung der angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen. Auch standortangepasste Wilddichten und stehendes wie liegendes Totholz zur Unterstützung der biologischen Vielfalt müssen möglich sein.

Es geht um widerstandsfähigere Wälder und - angesichts steigender Waldbrandgefahr - um präventiven Brandschutzkonzepte, die auch waldbaulich unterstützt werden müssen. Für all dies braucht es qualifizierte und fair bezahlte Forstleute und Waldarbeiter, sonst wird aus dem Ende mit Schrecken ein Schrecken ohne Ende.

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