Aktuelle Krise und der Einbruch im Güterverkehrssektor

Krise wird bezifferbar
Die Wirtschaftskrise, ausgelöst durch unkontrollierte globale Finanzmärkte, die uns seit einem Jahr beschäftigt, lässt sich nun auch beziffern.

Am 13. Januar hat das Statistische Bundesamt "vorläufige Zahlen" veröffentlicht, die ihr endlich ein konkretes Gesicht verleihen. Diese Zahlen sind verheerend – 2009 gab es das niedrigste Wachstum seit 1932 und das Bruttoinlandsprodukt verringerte sich um 5 Prozent. Trotzdem ist es gut, dass die Angaben nun auf dem Tisch liegen, denn bisher versuchten wirtschaftliche Einzelakteure, vor allem Aktiengesellschaften, aus
Sorge um ihre Börsennotierung, die Krise herunterzuspielen.


Dafür spricht auch, dass viele Unternehmen und Verbände ihre Umsatz- und Gewinneinbußen erst veröffentlicht haben, nachdem das Statistische Bundesamt die besagten Zahlen herausgegeben hat.

Im Güterverkehr und Transportgewerbe bedeutet das vor allem folgendes: Die Beschäftigten erfahren die Krise in Form von Kurzarbeit, Leiharbeit und Arbeitslosigkeit oder einfach nur als Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Dagegen sperren sich Reederverbände, Hafenbetreiber und andere Akteure bis
heute, ihre Wachstumsprognosen angemessen zu korrigieren und dem tatsächlichen Ausmaß ins Gesicht zu sehen. Vor allem, weil eine Rezession nicht
in ihr Geschäftsmodell und Weltbild passt. So geht die niedersächsische Hafenwirtschaft mit "verhalten positiven Erwartungen" ins Jahr 2010.


Woher dieser Optimismus?
Das gesamtdeutsche Transportaufkommen ging im Vergleich zum Vorjahr um 11,2 Prozent zurück. Das betraf vor allem die Binnenschifffahrt mit 18,1 Prozent und die Seeschifffahrt mit 16,8 Prozent. Nach einer ergänzenden Studie des Instituts für Arbeit und Wirtschaft in Bremen, verringerte sich die Zahl der Arbeitsplätze in den Werften im vergangenen Jahr um 15 Prozent. Vergleichbar schlecht sehen die Zahlen für Gütertransporte auf der Schiene aus. Außerdem brach der Markt für Nutzfahrzeuge zusammen: Auf Grund der um 27,7 Prozent gesunkenen Zahl der
Neuzulassungen entließ zum Beispiel der Hersteller Scania seit 2008 mehr als 10 Prozent seiner Beschäftigten. Diese 3900 Arbeiter gehen aufgrund der
angespannten Arbeitsmarktsituation sicherlich nicht mit "verhalten positiven Erwartungen" ins Jahr 2010.

Die Transportunternehmer konnten ihre vorhandene Ladungskapazität nicht mehr einsetzen - die Frachtpreise fielen. Die Unternehmer reagierten mit einer
Reduzierung der Kapazitäten, der Einführung von Kurzarbeit sowie Personalentlassungen. Die Zahl der Betriebsaufgaben hat sich im letzten Quartal weiter erhöht. Das betraf sowohl kleinere als auch größere Unternehmen. Bei Neuausschreibungen und Nachverhandlungen lässt sich im Vergleich von 2009 gegenüber 2008 außerdem ein Entgeltrückgang feststellen, so der aktuelle Bericht des BAG zur Marktbeobachtung Güterverkehr.


Mehrere Reedereien und Schiffsbaubetriebe nehmen bereits Kredite oder Bürgschaften aus dem Deutschlandfonds in Anspruch, verkündet das Wirtschaftsministerium. Dabei handelt es sich oft um merkwürdige Deals zwischen der ausgesprochen "hilfsbereiten" Bundesregierung und den Unternehmen. Infolge des gefährlichen politischen Helfersyndroms hat die Wettbewerbskommission der EU bereits Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Kreditgarantien für Hapag- Lloyd angemeldet. Es handelt sich in diesem Fall übrigens um eine "Kleinbeihilfe" in Höhe von 1,2 Milliarde Euro. Die Unverantwortlichkeit dieser Aktion der Regierung wird eigentlich nur noch von dem gescheiterten Rettungsversuch für Opel übertroffen.


Die Krise in diesem Segment betrifft – gleich einem negativen Synergieeffekt - auch andere Beteiligte. So senkte die Bundesregierung die Lotsengebühren, die als Bundesgebühr auf jedes Schiff erhoben werden, das einen deutschen Hafen anläuft. Eigentlich sollten sie angehoben werden, nun aber werden sie von März an um 10 Prozent gesenkt. Ein Sprecher des Bremer Wirtschaftsressorts gab als Begründung dafür an, die Senkung solle helfen, die Wettbewerbssituation der
Reedereien und Hafenbetreiber zu verbessern.


Eines ist klar: Der wachsende Widerspruch zwischen Kapital, Arbeit und Regierungshandeln lässt sich immer schwerer vertuschen. Im zweiten Jahr der Krise ist er bereits in der Statistik auszumachen.

von Tanja Girod

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