Wer dann vernünftig ist und kann's sich leisten, kauft sich eine Gans (Wilhelm Busch)

Drei GänseÜber fünf Millionen Gänse werden in Deutschland pro Jahr verspeist – die meisten zu Weihnachten. Da sind sie ausgewachsen und reif. Aber das Bild der schnatternden Gänseschar, die sich morgens auf die Wiese und abends, satt von frischem Gras zurück in den fuchssicheren Stall treiben lässt, trifft nur für die wenigsten der im Supermarkt angebotenen gefrorenen Vögel zu. 80 Prozent der in Deutschland vertilgten Gänse kommen aus der Turbomast, häufig - aber nicht nur - aus dem osteuropäischen Raum. Der günstigste Braten einer tiefgefrorenen Mastgans kostet 2,99 Euro pro Kilo (vermute ich zumindest). Für eine Gans vom Bauern nebenan oder auf dem Markt kostet das Kilo mindestens 10 Euro, bei Biogänsen sind bis zu 15 Euro zu berappen. Das kann sich nicht jeder leisten. Also doch eine Gans aus der Tiefkühltruhe des benachbarten Discounters? Die Sache hat einen Haken. Sogar mehr als einen – nicht nur den an dem die mit Maisbrei gefüllten Stopfbehälter hängen.

 

Die Gänse werden schnell, also billig „produziert“. In oft fensterlosen Hallen und drangvoller Enge müssen die Tiere in kurzer Zeit an Gewicht zulegen, um eine profitable Fleischproduktion zu ermöglichen. Den fehlenden Auf-Preis dafür zahlen die Gänse, die unter Gelenkentzündungen, Knochenbrüchen oder Atemnot leiden oder das eigene Gewicht nicht mehr tragen können. Oftmals ist der Weihnachtsbraten das Abfallprodukt eines ganz anderen, profitableren Produkts – der Stopfleber. Also einer Gänsefettleber, die Ergebnis einer quälerischen Zwangsernährung ist. Dabei kommen Stopfbehälter mit Mais ins Spiel, durch die den Gänsen der Brei gewaltsam durch den Schlund gedrückt wird. Das zerdrückt nicht nur die anderen Organe der Tiere, sondern lässt sie krank und apathisch auf dem engen Boden liegen. Geschnattert wird dort schon längst nicht mehr. Aber das ist nicht die einzige Grausamkeit, die Gänsen im Namen einer "Geiz-ist-geil"-Mentalität angetan wird. Da ist auch das schmerzhafte Rupfen der Daunenfedern bei lebendigem Leibe, dass die Tiere unter Schock überstehen, ein Weiteres unter vielen grauenhaften Details.

 

Der Europarat hat 1999 eine Empfehlung ausgesprochen, diese Mastmethoden nicht mehr anzuwenden. Doch eine Empfehlung scheint nicht auszureichen. Zu lukrativ scheint das Geschäft mit den Turbo-Gänsen auch für deutsche Massenzuchtbetrieben. Die Weihnachtsgans für meine Familie kommt seit Jahren aus einem Bio-Betrieb in Schöneberg, unserem kleinen Nachbarort. Die hatte das Glück ihr Gänseleben schnatternd und weidend auf der Wiese zu verbringen. Ihr Fleisch ist kräftig und nicht zu fett, da sie sich den ganzen Tag bewegt. Sie ist nicht billig, aber jeden Euro das Kilo wert.

 

In meinem Wahlkreis, in der Prignitz und Ostprignitz-Ruppin, gibt es nicht wenige Bauern, die ihre Produkte – nicht nur Gänse – regional vermarkten. Ich setze mich dafür ein, dass die regionale und saisonale Vermarktung eine größeren Stellenwert erhält. Immer mehr Menschen wollen Produkte aus ihrer Region. Das erhält und schafft Arbeitsplätze, das sichert ökologisch sinnvoll regionale Stoffkreisläufe. Damit sich das jeder leisten kann und nicht nur zu Weihnachten, brauchen wir einen gesetzlichen Mindestlohn – auch in der Landwirtschaft. Und natürlich auch Hartz IV- Regelsätze, die sich am Warenkorb – also am tatsächlichen Bedarf -  orientieren und nicht an den untersten 15 Prozent der Gesellschaft. Das nutzt auch der regionalen Landwirtschaft, denn dann wird niemand gezwungen sein,  ganzjährig das Billigste zu kaufen. Das Billigste, das oft auch das Ungesündeste und manchmal qualvoll Produzierte ist.

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