„Selbstreproduzierende Kleinflugkörper…“

Taube in New York, © Matthias Preisinger PIXELIO pixelio.deDie Schweizer Armee hatte 30.000 davon. 30.000 „selbstreproduzierende Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit festprogrammierter automatischer Rückkehr aus beliebigen Richtungen“. Was ist das? Bündnerfleisch? Nein, es geht um Brieftauben. Nicht nur in der Schweiz (dort bis in die 90er Jahre) hatten Brieftauben vor allem militärische Bedeutung. Die Tauben Cher Ami im Ersten Weltkrieg und G.I. Joe im Zweiten erlangten Weltruhm und erhielten Verdienstmedaillen: Sie hatten durch ihre Nachrichtenübermittlung Menschenleben gerettet, Blutvergießen verhindert. 

Oft werden Tauben heute wegen ihrer Friedenssymbolik aufgelassen; oder sie sind als „Rennpferd“ des „kleinen Mannes“ Zuchtobjekt und Stolz ihrer Besitzer.

Und genau da liegt das Konfliktpotential, was viele Tierschützer beim Gedanken an die Brieftauben in die Luft gehen lässt:

  • Was passiert mit den Tauben, die keine optimalen Flugleistungen erbringen? Oft werden sie vom Züchter getötet. Das aber ist nach dem Tierschutzgesetz verboten.
  • Was passiert mit Tauben, die sich verirren? Sie verelenden, erhöhen die Wildtaubenpopulation in den Städten? Eigentlich sollten die Züchter sie abholen, wenn sie gefunden werden, doch das geschieht nur selten. Identifizierbar sind sie allemal.
  • Was veranlasst die Tauben überhaupt, zum Ausgangspunkt zurückzufliegen? Zur Abrichtung der Tauben werden umstrittene Methoden verwendet: Tauben werden von Brut und/oder Partner getrennt, um möglichst schnell und zielsicher wieder nach Hause zu kommen.

Die Konflikte zwischen der Kulturtechnik „Brieftaubenhaltung“ und dem Tierschutz waren Gegenstand einer Kleinen Anfragen des bayrischen Linken Alexander Süßmair im Deutschen Bundestag (Bundestagsdrucksache 17/4815): Die Bundesregierung (17/4989) sah diese Konflikte deutlich entspannter als die TierschützerInnen. Immerhin aber hat diese Kleine Anfrage dazu beigetragen, öffentlich für das Thema zu sensibilisieren. Tauben sind eben nicht ganz so niedlich und waren in Tierschutzdebatten der Vergangenheit deshalb eher vernachlässigt worden. „Würde man das Tierschutzgesetz konsequent anwenden, könnte man den so genannten Brieftaubensport komplett verbieten“, meint Jens-Eberhard Jahn, wissenschaftlicher Mitarbeiter von MdB Süßmair. Er geht davon aus, dass die Taubenzüchterverbände durch die Kleine Anfrage im Bundestag, durch Veröffentlichungen und Initiativen aufgeschreckt wurden und nun beim Tierschutz mehr Sorgfalt walten lassen. DIE LINKE Bundestagsfraktion plant für den Herbst einen umfassenden Antrag zum Tierschutz. Sicher wird darin dann auch von Brieftauben zu lesen sein.

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